Die Königin – ein mächtiges Rollenmodell

„Hinfallen*Aufstehen*Krone richten*Weitergehen

Frauen, die beruflich erfolgreich sein möchten, erhalten immer häufiger ganze Listen von Verhaltensempfehlungen und Taktiken, die sie beachten sollen, um sich zu behaupten und sich gegen ihre Konkurrenz durchzusetzen. Die Ratschläge orientieren sich an eher männlichen Strategien sowohl verbaler als auch non-verbaler Art. Und sie wirken! Platz einnehmen, Redezeit beanspruchen, Statussymbole einsetzen, andere auch einmal unterbrechen, unbequeme Entscheide treffen und kommunizieren, von seinen Erfolgen sprechen, sich oben an den Tisch setzen, u.s.w.

Wenn Frauen solche Verhaltensweisen testen, stellen sie oft erstaunt fest, wie wirksam sie sind. Es ist meist überhaupt nicht notwendig, mit immer noch grösserer Fachkompetenz zu glänzen und noch mehr Zeit in Detailarbeiten zu stecken, sondern die Lösung für den Erfolg liegt – natürlich bei ausreichendem Wissen und Können – viel mehr in der Verpackung der Leistung, dem Auftreten und dem guten Netzwerk. Leider aber gewinnen erfolgreiche Frauen nun im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nicht nur Respekt und Anerkennung, sondern als Kehrseite der Medaille auch Neid, gehässige Bemerkungen und negative Attribute dazu. Sie seien hart, unsympathisch, „Karrierefrauen“, unflexibel, nicht teamfähig, zu wenig sozialkompetent… Sie werden gefürchtet, abgelehnt und nicht selten seitens ihrer weiblichen Kolleginnen ausgegrenzt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass der exakt gleiche ambitionierte Lebenslauf ganz anders beurteilt wird, wenn vorgegeben wird, dass er zu einer Frau statt zu einem Mann gehört. Während der Mann als energisch, führungsstark und entschieden beschrieben wurde, wurde die Frau als kalt, unsympathisch und im negativen Sinne als karriereorientiert eingeschätzt. Mit einer solchen Einschätzung haben viele Frauen Mühe, sind sie doch sozialisationsbedingt stärker als ihre männlichen Kollegen darauf angewiesen, als nett, freundlich und sympathisch wahrgenommen zu werden.

Wo liegt denn nun der Ausweg aus dem Dilemma? Was Frauen fehlt, sind positive Rollenmodelle. Sie möchten ja, um erfolgreich zu sein, nicht „Mann werden“, sondern ihre Weiblichkeit behalten dürfen. Unbewusst stehen ihnen im beruflichen Kontext aber zu wenig starke Frauenbilder zur Verfügung. Es sind oft dem Privatleben entliehene Rollen, die sich Frauen im Berufsleben selbst nehmen oder die ihnen auch häufig aufgedrängt werden. Je nach Alter und Status ist es die Rolle der Tochter, der Studentin, der netten Kollegin, der Verführerin oder der Mutter. Alle diese Rollen bergen Fallen: Tochter und Studentin werden nicht wirklich ernst genommen, die nette Kollegin erhält die Fleissaufgaben, die Verführerin fällt irgendwann tief und die Mutter kann sehr mächtig sein, bleibt aber immer höchstens die Nummer 2 im Machtgefüge. Im Gegensatz zu Frauen erleben Männer kaum familiäre oder andere private Rollenzuschreibungen im Beruf, allenfalls als Patriarch oder „Ziehsohn“, was aber problemlos in das offizielle Ranggefüge eingeordnet werden kann.

Die wirksamste Identifikationsfigur für eine Frau, die eine Machtposition anstrebt, ist die der Königin. Sie ist von Grund auf mächtig – im Schach die stärkste Figur! – und gleichzeitig weiblich. Sie strahlt Würde und Ruhe aus, bedient sich selbstverständlich aller ihr zustehender Statussymbolen und darf dabei elegant weiblich bleiben. Non-verbal beherrscht sie direkten Augenkontakt, eine aufrechte Haltung, schreitet und setzt klare Gesten ein. Sie hält körperlich Abstand, der Raum, der sie unmittelbar umgibt, gehört ihr ganz allein. Verbal spricht sie eher langsam, setzt Pausen ein und hat aufgrund ihres Status keine Mühe, von ihrer Exzellenz, Erfahrung und ihren guten Verbindungen zu sprechen. Sie lächelt auch, aber im Gegensatz zur Prinzessin nicht aus Verlegenheit, sondern gütig. Und sollte sie mal stürzen, so nimmt sie dies königinnengleich sportlich: Hinfallen – Aufstehen – Krone richten – Weitergehen!

 

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